Mein armes Gründerland Deutschland!

Vorgestern wurde im ZDF der deutsche Unternehmer Preis verliehen. Ich habe die Verleihung nicht gesehen, denn ich bin auf dem Sofa eingeschlafen. 22:45 Uhr ist einfach zu spät, oftmals schlafe ich früher ein, denn die Tage sind anstrengend als Gründerin. Aber es ist doch schön, dass die Glamourwelt des Fernsehens die Gründerszene für sich entdeckt hat.

Glamourwelt Gründung?

Von wegen! Meine eigenen Erfahrungen sind anders und vor allem als nebenberufliche Gründerin fühlt man sich alles andere als Willkommen im Gründerland Deutschland. Enttäuschungen und Rückschläge sind an der Tagesordnung:

Mikrokredit? Dafür fülle ich nicht das Formular aus!

So oder so ähnlich klang die Antwort meines Kundenberaters meiner Hausbank, also ich ihm Ende 2011 mein Businessplan vorstellte und einen KFW Kredit von 4000€ aufnehmen wollte. Seiner Meinung nach, ist die Kreditsumme einfach zu wenig und für so einen geringen Betrag würde es sich nicht lohnen, überhaupt die Schublade mit den Kreditanträgen raus zu holen. Es lag nicht an meinen Sicherheiten, denn ich konnte sowohl Immobilienbesitz wie auch ein festes Gehalt einer renommierten Airline nachweisen. Es war ihm schlichtweg zu viel Aufwand für zu wenig Ertrag. Ich könne, wenn ich wolle, aber gerne einen ganz normalen Hauskredit für 8% (2011) bei seiner Bank aufnehmen. Danke nein, mein armes Gründerland Deutschland.

Gründerzuschuss? Bitte mindestens arbeitslos sein

Wer als Gründer einen Gründerzuschuss beantragt, sollte arbeitslos sein! Seit neustem kann man auch trotz Eigenkündigung den Gründerzuschuss beantragen. Oh welche Innovation, herzlichen Glückwunsch liebes Gründerland Deutschland. Und was ist mit den rund 500.000 Nebenerwerbsgründern im Gründerland Deutschland? (KfW Gründungsmonitor 2014). Die gehen wohl leer aus! Obwohl Nebenberwerbsgründungen genauso hohe Gewerbeertrag- und Körperschaftsteuern zahlen müssen, wie Kapitalgesellschaften, die in Vollzeit gegründet worden sind. Auch wenn wir für die Nebenerwerbsgründung in Teilzeit beim Hauptberuf gegangen sind.

Anschlussfinanzierung für Dummies!

Nach dem ich meine Seedfinanzierung alleine gestemmt habe, steht nun nach drei Jahren, und der ersten Euro/Dollar Krise, Wachstum vor der Tür. Juchuhuh! Stop, aber wer finanziert es? Die Hausbank fällt nach der letzten Erfahrung raus. Gut, versuche ich es bei Verbänden und Kammern. Ich entscheide mich für die Gründungsberatung der IHK. Anschlussfinanzierung, ja gerne! Da kann die IHK mir helfen. Empfohlen wir mir ein Kredit der NRW Bank für 6 (!!!!) %. Wir schreiben das Jahr 2015! Danke liebes Gründerland Deutschland. Veräppeln kann ich mich selber.

Alleine im Investoren Dschungel!

Zu aller erst: Nein, ich bin kein Tech Unternehmen! Und jetzt setzt euch bitte hin: ich habe trotzdem ein innovatives Produkt entwickelt. Ich weiss es klingt paradox, aber man auch innovative Produkte entwickeln, ohne diese in Google Algorythmen zu verpacken und einen App Sticker drauf zu kleben.

Ich habe schlicht und einfach eine neue Reiseart entwickelt, die Touristen ermöglicht, individuell, günstig, sicher und doch organisiert mit öffentlichen Verkehrsmitteln fremde Länder zu entdecken. Natürlich gibt es unsere Reiseunterlagen als App, ein bisschen Hippster muss ja sein! Auch absolut skalierbar ist dieses Produkt, denn man kann es weltweit ausweiten. Oh, was für ein schönes Wort in der Welt der Pitches und Juppies: die liebe Skalierbarkeit.

Eigentlich habe ich doch alles, was sich ein Investor wünscht: eine Bootstrapgründung, ein super Wachstum, skalierbar ohne Ende und eine motivierte Gründerin. Und doch stehe ich alleine in dem großen Investoren Dschungel. Liegt es an der Branche Tourismus? Oder liegt es eher an mir der Gründerin, die Stewardess, die ihren Teilzeitjob über den Wolken liebt und nur eingeschränkt für das Startup arbeiten kann? Wenn es daran liegt, möchte ich euch, liebe Investorenlandschaft im Gründerland Deutschland ein Buch für euren Sommerurlaub empfehlen: „Die 4 Stunden Woche“. Ups…. Sommerurlaub! Ihr, Konsumenten der Toruismusbranche!

Dein Bruder kann nicht, der muss arbeiten!

Diesen Satz hört meine Mitstreiterin aus der Bürogemeinschaft immer von ihrer Mutter, wenn es zum Beispiel darum geht, sie dienstags mittags zum Arzt zu bringen. Ja, wir Gründer haben frei, wenn anderer arbeiten und arbeiten wenn andere frei haben. Warum? Weil wir unserer eigener Chef sind. Ganz einfach! Aber wir arbeiten nicht weniger, im Gegenteil oftmals mehr und halt zu anderen Zeiten.

Das Verständnis der Gesellschaft im Gründerland Deutschland und vor allem der eigenen Familie ist selten vorhanden. Natürlich können wir uns einen Dienstag Mittag frei schauffeln, um die Liebsten zum Arzt o.ä. zu fahren. Trotzdem geht so was von unserer Arbeitszeit ab, nur mit dem Unterschied dass wir nicht den Chef fragen müssen sondern nur uns selbst.  Und bitte beschwert euch dann nicht, wenn wir am Abend mit dem Laptop auf der Couch sitzen.

In dem Sinne: ein bisschen mehr Akzeptanz für den schon längst fälligen Umbruch bezüglich den starren Arbeitszeiten im Gründerland Deutschland bitte.

Ich möchte in diesem Artikel nicht alles, was für Gründer getan wird, in Frage stellen. Ich habe auch schon viele tolle Erlebnisse gehabt, jedoch fehlt mir gerade der Rückhalt für nebenberufliche Gründer, die keine Jobmonogamie leben möchten. Ich selbst, liebe mein Doppelleben, als Stewardess und Gründerin, und freue mich, wenn es neue Gründer im Nebenerwerb gibt und zwar nicht aus Geldnot, sondern aus Passion zu beiden Berufen!