Start-up Krisen

Die tödlichen Kinderkrankheiten eines Startups

Sowohl etablierte Unternehmen als auch Startups können durch externe Krisen so sehr betroffen ein, dass eine Liquidation drohen kann. Während es für viele Szenarien schon Frühwarnsysteme, Prognosetechniken und Krisenhandbücher gibt, werden Startups oft von unvorhersehbaren Ereignissen überrannt, an die kein Gründer beim Businessplan gedacht hat. Auch ich vermochte noch nicht mal im Traum dran zu denken, wie ich, als Gründerin im Frühjahr ins kalte Wasser geworfen wurde.

Ich behaupte ja wirklich eine gut ausgebildete Gründerin zu sein. Klassische Ausbildung, Fachwirtin, Bachelor und dann noch den schönen MBA drauf gesetzt – aber es hat alles nichts genutzt. Drei Jahre nach Gründung musste ich das erste Mal am eigenen Leib feststellen, was es heißen kann, kurz vor der Insolvenz zu stehen. Nicht mehr zahlungsfähig zu sein. Ein leeres Konto zu haben. Niet! Nada!

Obwohl der Umsatz von JOVENTOUR die sechsstellige Marke dieses Jahr überschritten hat, der Businessplan diesen Schritt exakt prognostiziert hatte, ich als Gründerin meine erste Titelgeschichte in einer Fachzeitschrift bekam und die Tourismusbranche durch erste Auszeichnungen auf uns aufmerksam wurde, traf es mich wie ein Schlag ins Gesicht: der Euro Fall.

Natürlich hatte ich auf meiner tollen Businessschool im 20. Stock über den Dächern von Buenos Aires gelernt, dass ich bei Geschäften, die in Fremdwährungen abgeschlossen werden, in der Preiskalkulation ein Währungsschwankungsrisiko einrechnen muss. Das tat ich auch ganz brav, aber der Euro fiel, wie ein Meterorit vom Himmel. Ohne Fallschirm. Und ich musste alles machtlos mit ansehen. Jeden Tag, jeden Morgen nach dem Aufstehen, jedes Mal wenn ich die blöde App in meinem Handy öffnete und ich diesen kleinen roten Pfeil nach unten sah.

Ich war mir bei Firmengründung durchaus bewusst, dass JOVENTOUR, als Reiseveranstalter, seine Leistungen in einer Fremdwährung (USD) einkaufen würde und anschließend in Euro weiter handeln würde. Aber an eine Beinahe-Insolvenz aufgrund einer so starken Währungsschwankung, habe ich im Traum nicht gedacht.

Nicht nur der Kursunterschied, sondern auch die Tatsache, dass dieser unmittelbar auf nach der Hauptbuchungssaison fiel und wir den größten Teil der verkauften Reisen mit dem alten Kurs kalkuliert hatten, tat doppelt weh. Ganz davon abgesehen, dass wir als Reiseveranstalter nach dem BGB die Preise nur um einen bestimmten Prozentsatz erhöhen dürfen. Wir standen also vor der Wahl: Preise erhöhen, unsere Kunden verärgern und in Kauf nehmen, dass diese vom Reisevertrag zurücktreten (denn das Recht hätten sie gehabt) oder Preise nicht erhöhen, auf Marge verzichten und eventuell noch draufzahlen.

Ich entschied mich für die zweite Option, denn schlechte Reviews in einem der vielen Bewertungstools hätten wir uns nicht leisten könnten.

Und dann hieß es: Kosten minimieren! Das Geschäftsführergehalt, welches ich gerade anfing aus zu zahlen, wurde wieder gestrichen, die Stunden der freien Mitarbeiter stark gedeckelt und alle extra Ausgaben (außer den Fixkosten) eliminiert. jovenTOUR wurde auf die reinen Betriebskosten runtergefahren – nur Brot und Wasser! Ich schrieb meine Partner vor Ort an und versuchte nochmal zu verhandeln. Mit mäßigem Erfolg.

Ich frage mich: Wie hätte ich eine solche Krise vermeiden können?

Und je länger ich drüber nachdenke, mich mit dem Thema beschäftige und mit anderen Unternehmern drüber spreche, wird mir immer mehr bewusst: garnicht!

Ich hätte als Startup mit einem sechsstelligen Umsatz keine Möglichkeit gehabt, meine Dollars abzusichern. Große Unternehmen mit einem Millionenumsatz können mit einem sogenannten Devisientermingeschäft Fremdwährung zu einem Fälligkeitsdatum einzukaufen und damit ihre Währung absichern.

Ich habe mit zwei Banken gesprochen: keine Chance so ein Devisiontermingeschäft abzuschließen. Zu wenig Umsatz! Aber wie soll denn mein Umsatz steigen, wenn ich kein Gewinn habe und damit kein Wachstum?

Wieder denke ich an mein armes Gründerland Deutschland

Langfristig kam ich nicht um eine Preiserhöhung bei Neubuchungen herum. Im Durchschnitt musste ich alle Preise um 15-20% anpassen und damit war meine Preispolitik aus dem lieben Businessplan auch dahin… Gott sei Dank, erging es nicht nur mir so, sondern der gesamten Tourismusindustrie in Deutschland. Auch die Veranstalter, die Fremdwährungen abgesichert hatten, erhöhten ihre Preise, halt nur etwas später in der nachfolgenden Saison.

Wie kann ich mich vor so etwas in Zukunft schützen?

Ebenfalls: garnicht! Es kann immer wieder vorkommen. Operativ habe ich mich entschieden den gesamten Cash Flow über ein USD Konto laufen zu lassen. So habe ich für die laufende Saison wenigstens ein wenig Planungssicherheit. Es ist aber nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ich muss lernen, dass ein Startup anfällig gegen Kinderkrankheiten ist und sind diese ausgestanden, kommt die Pubertät, welche ich mir nicht weniger turbulent vorstelle. Aber an die ich noch garnicht denken möchte…

Geholfen haben mir Gespräche mit anderen Unternehmern in der Zeit. Solche Szenarien lernt man in keiner Uni, kein Lehrbuch berichtet darüber und kein strategisches Planspiel wird eine solche Problematik durchleuchten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.