Jedem sein Wehwehchen – meine Passagierliste

Es ist noch nicht mal Halbzeit für mich auf der Langstrecke und doch habe ich schon meine neue Lieblingsaktivität an Bord entdeckt: Passagierverhalten studieren. Während ich dazu bei den Regionalflügen kaum Zeit hatte, bietet mir die Langstrecke ein perfektes Forschungsumfeld an.


DEr Steher

Schade, dass Michael O’Leary von Ryanair seine Idee, Stehplätze in Flugzeugen einzuführen, nicht realisiert hat, denn der Steher würde es lieben. Ein Steher liebt es zu stehen. Natürlich stellt er sich, noch vor dem Eintreffen der Crew, am Gate an, damit er auch als Allererster ins Flugzeug kommt.

Kaum ist er im Flugzeug, steht der Steher wieder im Gang und beobachtet den Einsteigevorgang. Und weil er als erstes im Flugzeug war, steht er die komplette Boardingzeit neben seinem Sitz.

Und wenn es ihm dann doch mal zu viele Mitreisende sind, die sich an ihm vorbeiquetschen müssen und mit ihren Rollkoffern über seine Füsse fahren, dann geht der Steher gerne in die Galley.  Und beobachtet von dort von den Einsteigeprozess. Die Galley ist übrigens ab sofort sein Lieblingsort, denn direkt nach dem Abschnallen, steht der Steher wieder, vorzugsweise in der Küche. Auch scheint der Steher nie müde zu sein. Stehen kommt vor Schlafbedarf.

Der Steher ist oftmals männlich und weist ein reiferes Alter auf.


DEr Dehner

Wie der Steher hat auch der Dehner die Galley als seinen Lieblingsplatz im Flugzeug auserkoren. Im Gegensatz zum Steher ist der Dehner oftmals weiblich, vorzugsweise auf Indienflügen anzutreffen und erkennbar an der Yogamatte im Handgepäck.

Der Dehner zieht als allererstes seine Schuhe nach dem Einsteigen aus und wird diese grundsätzlich nicht mehr vor der Landung anziehen – auch nicht für Toilettengänge.

Der Dehner dehnt sich gerne. Und das Dehnbedürfnis setzt ca. 10 Minuten nach dem Start ein und dauert ungefähr so lange, wie die Flugzeit ist. Wie gesagt, die Galley ist sein Lieblingsdehnort und der Rutschenkasten bietet ihm die ideale Möglichkeit um die Waden zu stretchen.

Der Dehner liebt es, sich auch während des Essens zu dehnen. Sobald er die Mahlzeiteinnahme beendet hat (der Dehner ißt generell vegetarisch und findet den Plastikverbrauch an Bord ganz furchtbar) werden gerne die Arme und Schulter in Form eines Nach-hinten-reißen gedehnt. Vorzugsweise in dem Moment, in dem die Flugbegleiterin mit einem Safttablett hinter ihm steht.


DEr Kramer

Der Kramer ist mindestens so aktiv wie der Dehner. Allerdings trifft man den Kramer seltenst in der Galley, sondern meistens an seinem Sitz oder bei seinem Handgepäck. Der Kramer geht davon aus, dass sein ganzes Gepäck genau über seinem Sitz verstaut sein muss. Sollte das Fach belegt sein, räumt er das besagte Fach gerne frei, um seine Sachen zu verstauen. Sobald er diesen Prozess abgeschlossen hat und sich gesetzt hat, stellt der Kramer oftmals fest, dass er auf der anderen Seite des Ganges sitzt und beginnt somit die Prozedur von vorne.

Während des Fluges ist der Kramer ein sehr unkomplizierter Passagier. Er beschäftigt sich auch während dem längsten Flug mit sich und seinem Hab & Gut selbat. Das Entertainment-programm wird für ihn zur Nebensache.

Nach der Landung hingegen wird der Kramer oftmals nervös. In der Regel verlässt er nämlich als letzter das Flugzeug, denn der Kramer ist davon überzeugt, dass er seinen Pass im Flugzeug verloren hat. Völlig am Ende mit seinen Nerven greift er sich dann an seine Brust um den annähernden Herzinfakt zu signalisieren. Just in diesem Moment bemerkt er dann, dass der besagte Pass sich in seiner Hemdtasche befindet.


DEr Frager

Der Frager fragt einfach gerne. Oftmals beginnt der Frager schon am Gate und stellt sich gerne in die Schlage an, um sich nochmal die abgedruckte Einsteigeszeit auf seiner Boardkarte bestätigen zu lassen.

Während des Einsteigens selber, beim Erstkontakt mit der Flugbegleiterin, lässt sich der Frager dann auch nochmal vorsichtshalber die Destination des Fliegers bestätigen. Im nächsten Schritt möchte er dann natürlich auch noch wissen, wie weit es bis in Reihe 49 ist.

Richtig auf Hochtouren kommt der Frager allerdings erst während der Servicezeit. Völlig verwirrt ist er immer, wenn die Flugbegleiterin aus dem Nichts und absolut unerwartet mit einem Getränkewagen neben ihm steht.

Gerne beantwortet der Frager auch eine Frage mit einer Gegenfrage. Auf “Was möchten Sie trinken?” folgt ein “Was haben Sie denn?”. Nachdem ihm das gesamte Getränkesortiment angeboten wurde (und dieses ist wirklich groß auf der Lanstrecke), entscheidet sich der Frager in der Regel für ein Wasser. Schafft man es als Flugbegleiterin, das Safttablett geschickt an dem Frager vorbei zu jonglieren, ist er direkt wieder am Zug. Sehr interessiert zeigt er auf die orangefarbene Flüssigkeit und fragt: “Was ist das?”.

Der Frager mag keine Nachtflüge, weil man dann nicht rausschauen kann. Und dann kann man auch die Flugbegleiterin nicht fragen, welcher See das gerade unter einem ist. Aber alternativ könnte man vielleicht nochmal nach der verbleibenden Flugzeit fragen… An der Airshow, die sowohl Flugroute und auch verbleibende Flugzeit anzeigt, findet der Frager generell kein Gefallen.


Liebe Steher, liebe Dehner, liebe Kramer & liebe Frager: schön, dass Ihr heute dabei seid! Ohne Euch wäre es doch auch langweilig!

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4 Gedanken zu „Jedem sein Wehwehchen – meine Passagierliste

  1. Michael N. sagt:

    Du hast noch die tattrigen deutscheb Touris vergessen, die ihr TUI Heftchen mit Vouchern für jeden Scheiß immer parat haben und stehts von der Gesamtsituation überfordert sind- ist immer lustig wenn man alsBbusinessreisender sich zufällig in einem Flieger voll mit solchen Leuten wiederfindet…

      • Michael N. sagt:

        Jaa, warum nicht? Identifikationsmerkmale: weiße Tennissocken, für die Öffentlichkeit völlig unangemessene Kleidung, mitgebrachtes Essen, dessen Krümel noch drei Sitzreihen entfernt aufzufinden sind und ein Hang zu Geschwätz :D

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