Montreal statt Münster-Osnabrück!

„Wir haben Schinkenbrote und Benzin, wir werden von der bunten Welt erwartet, am Meer dort wo die Palmen stehen“.

Dieser Satz von Erich Kästner aus dem Fliegendem Klassenzimmer hat vermutlich einiges dazu beigetragen, dass ich Flugbegleiterin wurde. Als Kind liebte ich den Film, in dem die ganze Klasse im Jumbo nach Mombasa flog.

Ich habe es nicht auf den Jumbo geschafft. Auch nicht auf den Airbus 380 oder den 340 oder auf irgendein ein großes Flugzeug, sondern auf einen 50 Sitzer. Als ich vor 13 Jahren Flugbegleiterin wurde, hatten alle Airlines mit den Auswirkungen des 11. Septembers zu kämpfen und kaum eine Gesellschaft stellte ein, bis auf meine kleine Regionalfluglinie, bei der ich bis heute hängen geblieben bin. Inzwischen schätze ich das Familiäre bei uns, die dezentrale Station, meine Teilzeit und die kleinen Flieger, wo man Passagiere mit Namen auf Stammstrecken gut kennt.

Wäre diesen Sommer nicht diese E-Mail in meinem Postfach gelandet… Unsere große Muttergesellschaft suche knapp 50 Flugbegleiter von uns Regionalen, die für ein halbes Jahr auf der Langstrecke eingesetzt werden würden. Wir hatten genau 5 Tage um uns zu entscheiden.

Ich habe keine 5 Minuten gebraucht. Auch keine 5 Sekunden. Vermutlich hätten auch 5 Millisekunden gereicht. Ich will Langstrecke fliegen, in einem großem Flugzeug arbeiten und ich will dahin fliegen, wo die Palmen stehen.

Zeitlich passt die Stellenausschreibung perfekt. Bei JOVENTOUR kam Steffi am 1.10. aus dem Mutterschutz und so war es kaum ein Problem, dass ich für ein halbes Jahr mehr oder weniger ausfallen würde.

Ein Bewerbungsverfahren gab es nicht. Man musste seine Interesse bekunden und dann galt es warten: denn die Stellen wurden nach Seniorität besetzt. Wer also als längstes dabei ist, kommt zu erst. An einem Freitag war es soweit: mein Augustdienstplan war von einem Tag auf den anderen komplett leer. Und anstelle der geplanten Flügen stand nun ein grosses A – wie Ausbildung.

Acht Wochen später sollte sich mein Dienstplan wieder mit Flügen füllen. Allerdings wurde aus Münster-Osnabrück Montreal und aus 40 Minuten Flugzeit, 400 Minuten. Und so ging es Anfang Oktober für mich das erste Mal auf Langstrecke:

6:03 Uhr: die Nacht ist vorbei. Eigentlich könnte ich noch locker eine Stunde schlafen, wäre da nicht die Nervosität. So wie damals, 2003, bei meinem allerersten Flug nach Brüssel. Ich liege im Bett und versuche nochmal einzuschlafen, schließlich soll so ein Langstreckenflug ja sehr anstrengend sein. Unmöglich. Ich ziehe inklusive Bettdecke auf mein Sofa um und schalte den Fernseher ein. RTL berichtet über Kim Kardashian, die ausgeraubt wurden sein soll und das ZDF über die den Abbruch der Verhandlungen zwischen USA & Russland beim Syrienkonflikt. Ich schalte den Fernseher wieder aus. Das eine interessiert mich nicht, dass andere ist zu schwer für mich an diesem Morgen.

Meine Gedanken schwirren immer wieder im Kreis: habe ich alles eingepackt? Der Schlafanzug muss ins Handgepäck, schließlich soll es richtige Crewbetten auf der Langstrecke geben….Auch fliege ich ab sofort mit zwei Paar Schuhen: ein Paar zum Begrüßen und Verabschieden der Passagiere und ein Paar (flachere) zum Arbeiten. So soll das auf grossen Flugzeugen sein. Also die flachen Schuhe auch ins Handgepäck. Und der Weltstecker. Und meine Kamera, die ich schon bestimmt 5 Jahre nicht mehr zum Fliegen mitgenommen haben. Und der Reisepass. Und die Warnweste. Mein Kopf qualmt schon bevor überhaupt die Sonne aufgegangen ist.

Ich sitze im Pyjama vor meinen zwei Koffern und räume die Sachen, wie beim Tetris spielen, hin und her. Irgendwas werde ich schon vergessen haben…

10:52 Uhr: Notsitz bitte. Ab sofort bin ich Shuttlerin. Das heisst, meine Langstrecke geht immer ab München und um das An- und Abreisen muss ich mich selber kümmern. Vorbei ist es für ein halbes Jahr mit meiner dezentralen Station. Natürlich darf ich auch weiterhin meine Mitarbeiter Tickets für das „shutteln“ nehmen, allerdings kann ich diese nur nutzen, wenn es freie Plätze gibt. Und es gibt Tage, zum Beispiel bei Messen oder in den Ferien, wo alle Flieger den ganzen Tag komplett ausgebucht sind.

Und genau so ein Tag ist heute: Herbstferien Beginn… Einzige Möglichkeit an solchen Tagen, sind freie Notsitze, welche vom Kapitän vergeben werden. Zu meinem qualmenden Kopf gesellen sich jetzt noch erste Schweissausbrüche, ausgelöst von dem Bangen um einen Notsitz. Eigentlich bin ich jetzt schon so durch, dass ich wieder nach Hause gehen könnte und mich erstmal unter die Dusche stellen möchte. Gerade in dem Moment, wo ich an diese Option denke, wird mir eine Bordkarte in die Hand gedrückt. Ein Passagier ist nicht erschienen und sein Platz ist jetzt meiner. Glück gehabt. Die Schweissperlen lösen sich langsam auf….

11:53 Uhr: Laufmasche. Mist. Meine Strumpfhose ist beim Aufstehen am Klettverschluss der Schwimmweste unter meinem Sitz hängen geblieben . Wo ist meine Erstatzstrumpfhose? Ich wusste, ich hatte etwas vergessen. Und schon zeigten mir meine Schweissperlen, dass sie ebenfalls ihren Weg nach München gefunden hatten…

14:28 Uhr: Namenlos. Ich habe es tatsächlich geschafft und meine Crew gefunden. Doch es sind so viele Kollegen. Und jeder stellt sich mir mit Namen vor, doch im nächsten Moment habe ich diesen schon wieder vergessen. War es Jessica oder Julia? Oder doch nicht mit „J“? Sind das erste Anzeichen von Alzheimer? Der Kopf qualmt wieder.

15:23 Uhr: Kein Flugzeug. Das erste Mal an diesem Tag gibt es eine vertraute Situation von der Kurzstrecke: unser Flugzeug ist noch nicht da. Wir fahren erst mal in die Vorfeldkantine und trinken einen Kaffee. 15 Minuten später ist dann soweit: frisch aus der Technikhalle wird der Airbus um die Ecke an die Parkposition geschleppt. Und dann beginnt der Stress. Und das was für mich auf den kleinen Flugzeugen absolute Routine ist, lässt meine Schweissperlen wieder erscheinen.

Wo ist nochmal meine Tür? War das jetzt rechts oder links? Und bis zur welchen Sitzreihe muss ich die Schwimmwesten checken? Und ah ja die Passagierliste. Und den Welcome Drink vorbereiten. Und nein, den Organgensaft für den Frühstücksservice habe ich auch nicht gesehen! Und wo sind nochmal die Ersatztoilettenrollen? Und überhaupt wieso gibt es so viele Staufächer? Und wieso lässt sich jedes anders öffnen? Und a pro pro Staufach, wo kommt meine Handtasche hin? Und die Galleyschuhe? Ahhhhhhhhhhh, ihr lieben Schweissperlen, ihr habt einen Freiflug nach Montreal gewonnen! Glückwunsch!

16:00 Uhr: Takeoff. Vielleicht hätte ich doch die Duschoption wählen soll…..

Das ist nun gut einen Monat her. Und ehrlich gesagt, habe ich nicht früher geschafft diesen Artikel zu schreiben. Zu aufregend ist das Welterkunden. Nach Montreal, folgte Peking statt Paderborn-Lippstadt, Delhi statt Dortmund und Sao Paulo statt Stuttgart.

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Chinesische Mauer

Jeder Flug ist für mich noch aufregend und ich kann mir immer noch nicht die ganzen Positionen und die damit verbundenen Aufgaben merken. Zum einem ist die Arbeit für mich absolut vertraut und im Umgang mit Passagieren fühle ich mich nach wie vor absolut wohl. Zum anderen stehe ich, wie der Ochs vorm Berg, wenn es um die vielen Abläufe geht. Was kam zu erst? Speisekarte oder Erfrischungstuch? Und wo finde ich nochmal das den indischen Jogurt und wird dieser zum Frühstück oder Abendessen serviert? Und generell machen mich die vielen Stauorte ganz jeck. Bin ich für das Verteilen vom Essen oder von den Getränken zuständig? Und ziehe ich meinen Trolley rückwärts rein?

Ich habe noch fünf Monate, um die Fragen klären zu können. Und bis dahin freue ich mich einfach, dass mich die bunte Welt erwartet, am Meer dort wo die Palmen stehen. Denn wir haben Schinkenbrote und Benzin (wo immer diese auch gestaut sein werden….;))

Neu Delhi

Neu Delhi

*Anmerkung: ich habe es natürlich in Monteral vor lauter Aufregung nicht geschafft, Fotos zu machen. Die Fotos im Artikel sind aus dem gesamten ersten Monat.

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